Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Lactoferrin ist ein faszinierendes, multifunktionales Protein, das in den letzten Jahren zunehmend in den Fokus medizinischer Forschung und ernährungsmedizinischer Beratung gerückt ist. Ursprünglich aus der Milch isoliert, insbesondere aus der kolostralen Vormilch, besitzt es ein beeindruckendes Spektrum an biologischen Wirkungen. Neben seiner Rolle im Eisenstoffwechsel wirkt Lactoferrin antimikrobiell, immunmodulierend und entzündungshemmend.

Dieser Beitrag beleuchtet die Wirkmechanismen, gesundheitlichen Anwendungsgebiete und wissenschaftlichen Hintergründe von Lactoferrin – stets mit Blick auf fundierte, publizierte Evidenz.

Was ist Lactoferrin?

Ursprung und Namensherkunft

Der Name leitet sich aus „lacto“ (Milch) und „ferrin“ (eisenbindend) ab. Bereits in den 1930er-Jahren wurde das Protein erstmals beschrieben, die genaue Strukturaufklärung erfolgte jedoch erst in den 1960ern.

Aufbau und biochemische Eigenschaften

Lactoferrin ist ein Glykoprotein aus der Transferrin-Familie, bestehend aus etwa 700 Aminosäuren. Es besitzt zwei Bindungsstellen für Eisenionen (Fe³⁺) und kann in zwei Formen vorliegen:

  • Apolactoferrin (ohne Eisen beladen)

  • Hololactoferrin (mit Eisen beladen)

Vorkommen im menschlichen Körper und in der Nahrung

Physiologisch findet sich Lactoferrin in Sekreten wie Speichel, Tränenflüssigkeit, Muttermilch und im Granulat neutrophiler Granulozyten. Nahrungsquellen sind vor allem Kuhmilch und Molkenproteine – mit besonders hohen Gehalten im Kolostrum.

Wie wirkt Lactoferrin im Körper?

Eisenbindung & -transport

Lactoferrin bindet Eisen deutlich stärker als das verwandte Transferrin. Durch diese Eigenschaft entzieht es pathogenen Mikroorganismen ein essentielles Wachstumsfaktor-Element, hemmt deren Vermehrung und unterstützt gleichzeitig die körpereigene Eisenversorgung.

Immunmodulatorische Eigenschaften

Lactoferrin ist nicht nur ein Eisen-Transportprotein, sondern ein aktiver Regulator des Immunsystems. Es wirkt auf mehreren Ebenen – sowohl im angeborenen (unspezifischen) als auch im adaptiven (spezifischen) Immunsystem.

1. Wirkung auf das angeborene Immunsystem

  • Aktivierung neutrophiler Granulozyten: Lactoferrin wird aus den Granula dieser Zellen bei Infektionen freigesetzt und steigert deren Phagozytoseleistung.

  • Modulation von Makrophagen: Fördert die Differenzierung zu einer antiinflammatorischen M2-Form, die Gewebereparatur und Heilung unterstützt.

  • Stimulierung von NK-Zellen (natürliche Killerzellen): Erhöht die Zytotoxizität gegen virusinfizierte und entartete Zellen.

2. Wirkung auf das adaptive Immunsystem

  • Förderung der Lymphozytenreifung: Lactoferrin beeinflusst die Differenzierung von T-Helferzellen (Th1/Th2-Balance) und unterstützt eine bedarfsgerechte Immunantwort.

  • Stimulation der Antikörperproduktion: In vitro und in Tiermodellen konnte eine erhöhte IgA- und IgG-Synthese beobachtet werden – wichtig für die Schleimhautimmunität und systemische Abwehr.

3. Regulation von Zytokinen
Lactoferrin kann sowohl pro- als auch antiinflammatorische Zytokine modulieren, abhängig vom Immunstatus:

  • Bei überschießender Entzündung: Hemmung von IL-1β, IL-6 und TNF-α, Reduktion oxidativen Stresses.

  • Bei Infektanfälligkeit: Erhöhung von Interleukin-18 und Interferon-γ, was antivirale und antibakterielle Mechanismen stärkt.

4. Immunhomöostase
Das Ziel dieser Modulation ist nicht eine permanente „Verstärkung“ der Abwehr, sondern eine Balancierung: Überreaktionen (z. B. bei Autoimmunprozessen oder Allergien) werden gedämpft, während bei Infektionen gezielt Abwehrmechanismen angekurbelt werden.

5. Klinische Relevanz

  • Infektprävention: Studien zeigen eine geringere Häufigkeit von Erkältungsepisoden bei regelmäßiger Einnahme.

  • Allergiemanagement: Hinweise auf eine Reduktion allergischer Reaktionen durch Verschiebung der Th2-Antwort hin zu einer Th1-dominanten Reaktion.

  • Schleimhautschutz: Stärkung der Barrierefunktionen im Darm- und Respirationstrakt, wodurch das Eindringen von Pathogenen erschwert wird.

Antimikrobielle und antivirale Wirkung

  • Bakterien: Hemmung des Biofilmaufbaus, besonders bei Escherichia coli (Kolibakterium) und Pseudomonas aeruginosa (Stäbchenbakterium, möglicher Auslöser bei verschiedensten Infektionskrankheiten)

  • Viren: Studien belegen eine hemmende Wirkung u. a. gegen Herpes-simplex-Viren und SARS-CoV-2 [2].

  • Pilze und Parasiten: reduzierte Adhäsion von Candida albicans (ein Hefepilz auch „Soorpilz“ genannt) an Schleimhäuten

Probiotische Wirkung auf das Mikrobiom

Lactoferrin fördert das Wachstum probiotischer Bakterienstämme (z. B. Bifidobacterium) und trägt zur Regeneration der Darmflora bei, etwa nach Antibiotikatherapie [3]. Es stärkt die Darmbarriere und kann so die Translokation pathogener Keime verhindern.

Entzündungshemmende Wirkung

Über die Regulation von Botenstoffen wie IL-6 und TNF-α kann Lactoferrin systemische und lokale Entzündungsreaktionen reduzieren. Zudem beeinflusst es den Eisenregulator Hepcidin, was bei chronischen Entzündungen vorteilhaft für die Eisenverwertung ist.

Anwendungsbereiche & gesundheitliche Vorteile

Bei Eisenmangel & Eisenmangelanämie

Lactoferrin verbessert die intestinale Eisenresorption und ist dabei oft besser verträglich als klassische Eisenpräparate. Studien zeigen Vorteile in der Schwangerschaft hinsichtlich Eisenstatus und gastrointestinaler Verträglichkeit [4].

Lactoferrin kann in bestimmten Situationen Eisenpräparate teilweise ersetzen, aber nicht in jedem Fall vollständig.

Hintergrund:

  • Lactoferrin verbessert die Eisenaufnahme im Dünndarm und fördert den Transport im Blut, indem es Eisen in einer gut verwertbaren Form bindet.

  • Bei mildem bis moderatem Eisenmangel, etwa in der Schwangerschaft oder bei leichter Eisenmangelanämie, zeigen Studien, dass Lactoferrin vergleichbare Verbesserungen im Eisenstatus erzielen kann wie klassische Eisenpräparate, oft mit besserer Magen-Darm-Verträglichkeit.

  • Bei schwerem Eisenmangel oder ausgeprägter Anämie reicht Lactoferrin allein meist nicht aus, um den Eisenbedarf schnell zu decken. Hier sind höher dosierte Eisenpräparate oder ärztlich verordnete Eiseninfusionen notwendig.

Kurz gesagt:

  • Ja, als Alternative oder Ergänzung bei leichten bis mittleren Defiziten.

  • Nein, als alleinige Therapie bei schwerem Mangel.

  • Entscheidung und Dosierung sollten immer in Absprache mit medizinischem Fachpersonal erfolgen.

Immunsystem stärken

Lactoferrin kann sowohl zur Prävention als auch zur unterstützenden Therapie bei Infekten, insbesondere bei wiederkehrenden Atemwegs- oder Magen-Darm-Infekten, eingesetzt werden. 

Darmgesundheit

Durch Förderung nützlicher Bakterien und Schutz der Schleimhautbarriere eignet sich Lactoferrin auch bei Reizdarm-Symptomatik, Dysbiosen und zur Rekonvaleszenz nach Antibiotikagabe.

Hautgesundheit, Wundheilung & Anti-Aging

Lactoferrin zeigt in der Dermatologie gleich mehrere interessante Wirkmechanismen, die sowohl in der Wundheilung als auch im Bereich Hautalterung relevant sind.

1. Wundheilung

  • antimikrobieller Schutz: Lactoferrin bindet Eisen, das Bakterien für ihr Wachstum benötigen und hemmt dadurch die Keimvermehrung direkt in der Wunde.

  • Entzündungsmodulation: Durch die Reduktion proinflammatorischer Zytokine (Proteine des Immunsystems die Entzündungsreaktionen fördern und verstärken können;  z. B. IL-6, TNF-α) wird das Wundmilieu beruhigt, was die Granulation und Epithelisierung beschleunigen kann.

  • Geweberegeneration: Studien zeigen, dass Lactoferrin die Aktivität von Fibroblasten fördert, die maßgeblich an der Kollagenbildung beteiligt sind – ein entscheidender Schritt in der Wundheilung [7].

2. Hautunreinheiten & Akne
In einer randomisierten kontrollierten Studie führte die Einnahme von Lactoferrin über 12 Wochen zu einer signifikanten Reduktion entzündlicher Akne-Läsionen und einer verbesserten Hautstruktur [8]. Der Effekt ist auf die Kombination aus antimikrobieller Wirkung gegen Cutibacterium acnes, entzündungshemmender Aktivität und Regulation der Sebumproduktion zurückzuführen.

3. Anti-Aging-Effekte

  • Schutz vor oxidativem Stress: Lactoferrin wirkt als Antioxidans und reduziert die Belastung durch freie Radikale, die zur Hautalterung beitragen.

  • Kollagenstabilisierung: Durch die Förderung der Fibroblastenaktivität und die Hemmung kollagenabbauender Enzyme (Matrix-Metalloproteinasen) kann Lactoferrin strukturelle Hautproteine länger erhalten.

  • Feuchtigkeitsbalance: Indirekt wird die Hautbarriere gestärkt, was den transepidermalen Wasserverlust verringert und zu glatterer, elastischerer Haut beiträgt.

4. Mögliche Synergie mit topischen Anwendungen
Neben der oralen Aufnahme wird Lactoferrin in der kosmetischen Forschung auch in Cremes und Gels eingesetzt. Dort kann es lokal antimikrobiell wirken, die Hautflora ausgleichen und den Hautschutzmantel stabilisieren. Ein interessanter Ansatz für kombinierte Anti-Aging-Strategien.

Weitere gesundheitliche Effekte

  • Metabolisch: Verbesserung von Blutzucker- und Lipidprofilen in Tier- und Humanstudien

  • Neurologisch: Potenzial zur Stressmodulation und Unterstützung kognitiver Funktionen

  • Knochenstoffwechsel: präventiver Effekt auf Osteoporose durch Modulation der Osteoblastenaktivität

 

Für wen ist Lactoferrin geeignet?

  • Schwangere & Stillende (nach Rücksprache mit ärztlichem Fachpersonal)

  • Menschen mit Eisenmangel oder latenter Eisenmangelanämie

  • Personen mit geschwächtem Immunsystem

  • Kinder & ältere Menschen mit erhöhtem Infektionsrisiko

  • Sportler:innen zur Unterstützung der Regeneration und Immunstabilität

Einnahme & Dosierung

Die Dosierung ist abhängig vom Ziel der Anwendung und der individuellen Situation. In klinischen Studien werden Dosierungen von 100 mg bis über 1 g pro Tag untersucht. Wechselwirkungen sind selten, jedoch sollte bei gleichzeitiger Einnahme von Eisenpräparaten der Abstand beachtet werden.

Lactoferrin bei Laktoseintoleranz

In der Regel kann Lactoferrin auch bei Laktoseintoleranz eingenommen werden.
Lactoferrin ist ein einzelnes Protein und enthält selbst keine nennenswerten Mengen an Laktose. Viele hochwertige Nahrungsergänzungspräparate werden zudem gezielt laktosefrei hergestellt.

Wichtig ist allerdings:

  • Quelle prüfen: Wenn Lactoferrin aus Kuhmilch gewonnen wird, kann je nach Herstellungsverfahren eine minimale Restlaktosemenge enthalten sein.

  • Darreichungsform beachten: Bei empfindlichen Personen empfiehlt es sich, auf Präparate mit dem Hinweis „laktosefrei“ zu achten.

  • Sicherheit: Klinisch relevante Beschwerden sind bei laktoseintoleranten Personen durch Lactoferrin in Reinform sehr selten.

Für Patient:innen mit starker Laktoseintoleranz empfiehlt sich die Rücksprache mit dem behandelnden Arzt oder Apotheker, um ein geeignetes, getestetes Präparat auszuwählen.

FAQ – Ihre Fragen, unsere Antworten

Zur Unterstützung des Immunsystems, zur Optimierung des Eisenstoffwechsels, zur Förderung der Darmflora und zur Prävention bzw. Therapie bestimmter Infektionen.

Es gilt als sehr gut verträglich. In hohen Dosen können vereinzelt gastrointestinale Beschwerden auftreten.

Die Bindung und der Transport von Eisen, kombiniert mit antimikrobieller und immunmodulatorischer Aktivität.

Studien belegen eine sichere Anwendung über mehrere Monate; die genaue Dauer sollte individuell mit medizinischem Fachpersonal abgestimmt werden.

Ja, in der Regel kann Lactoferrin auch bei Laktoseintoleranz eingenommen werden. Lactoferrin ist ein Protein und enthält selbst keine relevanten Mengen Laktose. Hochwertige Präparate werden häufig laktosefrei hergestellt. Personen mit starker Laktoseintoleranz sollten jedoch auf entsprechend gekennzeichnete Produkte achten und im Zweifel medizinischen Rat einholen.

Natürlich vorkommendes Lactoferrin stammt aus tierischer Milch. Es gibt jedoch biotechnologisch hergestelltes Lactoferrin, das mithilfe von Mikroorganismen produziert wird. Solche Produkte können „tierfrei“ sein, gelten aber nur dann als vegan, wenn sie entsprechend zertifiziert sind. Personen mit starker Laktoseintoleranz sollten jedoch auf entsprechend gekennzeichnete Produkte achten und im Zweifel medizinischen Rat einholen.

Lactoferrin kann bei mildem bis moderatem Eisenmangel eine Alternative oder Ergänzung sein, insbesondere bei empfindlichem Magen oder gastrointestinalen Nebenwirkungen klassischer Eisenpräparate. Bei schwerem Eisenmangel oder ausgeprägter Anämie reicht Lactoferrin allein in der Regel nicht aus – hier sind höher dosierte Eisenpräparate oder ärztlich verordnete Infusionen notwendig. Die Entscheidung sollte immer in Absprache mit medizinischem Fachpersonal erfolgen.

13.08.2025
Verfasst von Diana Bogner
Diana Bogner ist ausgebildete PKA und war viele Jahre in öffentlichen Apotheken tätig. Mit ihrer umfangreichen Erfahrung und ihrem fundierten Fachwissen unterstützt sie nun das Team von Volopharm in der Kommunikation rund um apothekenexklusive Präparate und Gesundheitsprodukte.

Literaturverzeichnis

  1. Legrand D, Elass E, Carpentier M, Mazurier J. Lactoferrin: a modulator of immune and inflammatory responses. Cell Mol Life Sci. 2005;62(22):2549-2559.

  2. Chang R, Ng TB, Sun WZ. Lactoferrin as potential preventive and therapeutic agent for COVID-19. Int J Antimicrob Agents. 2020;56(3):106118.

  3. Oda H, Wakabayashi H, Yamauchi K, et al. Lactoferrin and bifidobacteria growth-promoting activity. Biometals. 2013;26(6):917-923.

  4. Paesano R, Torcia F, Berlutti F, et al. Oral administration of lactoferrin increases hemoglobin and total serum iron in pregnant women. Biometals. 2006;19(5):707-713.

  5. Kim J, Ko Y, Park YK, et al. Dietary effect of lactoferrin-enriched fermented milk on acne vulgaris. Nutrition. 2010;26(9):902-909.

  6. Bilder: Pixabay
  7. Tang L, et al. Biochem Cell Biol. 2020;98(5):658-666.

  8. Kim J, et al. Nutrition. 2010;26(9):902-909.

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